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10.09.2007

Initiativ werden für sichere Rente!

Die Gefahren einer wachsenden Altersarmut

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Von Horst Kahrs

Im Juni veröffentlichte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Zahlen zu den Wirkungen von Rentenreformen in ihren Mitgliedsländern. Im Ergebnis warnte die OECD vor den Gefahren einer wieder wachsenden Altersarmut in Deutschland.

Im OECD-Mittel würde ein 20-jähriger Durchschnittsverdiener, der heute eine Erwerbsbiografie beginnt, 58,7 Prozent seines Bruttoverdienstes als Rente aus dem obligatorischen Alterssicherungssystem seines Landes, also ohne freiwillige Zusatzversicherungen, erhalten. Eine Standarderwerbsbiografie (45 Beitragsjahre) führte vor den Rentenreformen in Deutschland zu einer Rente von 48,8 Prozent des Bruttoeinkommens. Nach den verschiedenen Maßnahmen zur Senkung des Rentenniveaus ersetzt die zu erwartende Rente nur noch 39,9 Prozent des vorherigen Bruttodurchschnittseinkommens. Weitere Senkungen werden der Übergang zur nachgelagerten Rentenbesteuerung und der »Nachhaltigkeitsfaktor« hervorrufen, mit dem die Rentenhöhe an die Beitragshöhe gekoppelt wird. Damit soll erreicht werden, dass der Beitragssatz zur gesetzlichen Rente bis zum Jahre 2030 nicht über 22 Prozent steigt.

Nur wer in Deutschland kontinuierlich im Rahmen der »Riesterförderung« privat vorsorgt, kann auf eine Rente hoffen, die mit 56 Prozent seines Bruttoverdienstes in die Nähe des Durchschnitts der anderen entwickelten Industrieländer kommt. Dafür müssen aber weitere acht Prozent des Bruttoeinkommens eingesetzt werden. Warum konnten sie nicht weiter in die gesetzliche Rente eingezahlt und auf die Kürzungen verzichtet werden? Warum es eine größere Sicherheit für das Alter bringen soll, wenn ein Teil des Lohnes nicht mehr in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt, sondern bei der Allianz oder anderen Finanzkonzernen abgeliefert werden muss, hat bisher noch niemand erklären können.

Für all diejenigen, die sich »Riester-Beiträge« nicht oder nicht dauerhaft leisten können, bietet die gesetzliche Rente in Zukunft keinen Schutz mehr vor Altersarmut. Ein Durchschnittsverdiener wird zukünftig annähernd 37 Jahre einzahlen müssen, um eine Rente auf Grundsicherungsniveau zu beziehen. Bei Niedriglöhnern und Erwerbstätigen versagt das deutsche Rentenversicherungssystem im Vergleich mit anderen Ländern besonders eklatant.

Statt 39,9 Prozent des Bruttoverdienstes wie in Deutschland erhalten Niedrigverdiener (50 Prozent des Durchschnittsverdienstes) im OECD-Durchschnitt 73 Prozent, zum Beispiel in Frankreich 63,8 Prozent, in Italien 67,9 Prozent, in Schweden 79,1 Prozent, in den Niederlanden 80,6 Prozent.

Die OECD-Studie fasst zusammen: »Im Gegensatz zu den meisten OECD-Ländern sind die Leistungen aus der Gesetzlichen Rente in Deutschland linear an das Einkommen gekoppelt. Auch die Rentenanpassungen wurden linear vorgenommen. Dies hat zur Folge, dass für Geringverdiener der Abstand zwischen den Leistungen in Deutschland und dem OECD-Durchschnitt besonders groß ist. Deutschland liegt innerhalb der OECD hier an der letzten Stelle. Für Arbeitnehmer mit höheren Einkommen liegen die Zielrenten dagegen näher am OECD-Durchschnitt.« Die Empfehlung der OECD: »Deutschland sollte der Rentenentwicklung für Geringverdiener besondere Aufmerksamkeit schenken und einem Anstieg der Altersarmut vorbeugen.«

Notwendig ist, folgt man der OECD, die Debatte darüber, wie in das deutsche Rentensystem ein Solidarausgleich im unteren Einkommensbereich eingebaut werden kann, den es in anderen Ländern bereits gibt. Die vormalige PDS hatte dafür einen Vorschlag: die Rente mit Grundbetrag. Danach würden langjährig Versicherte (30 Beitragsjahre) aus der gesetzlichen Rentenversicherung eine Rente erhalten, die den Bezug von Grundsicherung im Alter nicht erforderlich macht. Die Bundestagsfraktion DIE LINKE hat sich auf ihrer jüngsten Klausurberatung für eine ähnliche Regelung ausgesprochen.

Statt Maßnahmen gegen die Rutsche in die Altersarmut zu ergreifen, hat die Bundesregierung mit der »Rente mit 67« das Gegenteil getan. Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit wirkt wie eine Rentenkürzung, da viele ältere Arbeitnehmer auch in Zukunft wegen fehlender Arbeitsplätze vorzeitig und dann mit höheren Abschlägen in Rente gehen oder als Hartz-IV-Bezieher dazu gezwungen werden. Bereits bei den heute über 40-jährigen ArbeitnehmerInnen, insbesondere denen im Osten, droht so aufgrund längerer Arbeitslosigkeit und gekürzter Beitragszahlungen bei Arbeitslosigkeit ein dramatischer Anstieg der Altersarmut.

Von der »Riester-Rente« über die verschiedenen Kürzungs- und Dämpfungsfaktoren bis zur Rente mit 67: Ein gigantisches Roll-Back in der Alterssicherungspolitik wurde von SPD, Grünen und CDU durchgesetzt. Nach den jetzt geltenden Regeln werden die Renten Schritt für Schritt von der wachsenden volkswirtschaftlichen Produktivität abgekoppelt. Das Niveau in der gesetzlichen Rentenversicherung wurde so weit gesenkt, dass sich bereits ein Durchschnittsverdiener fragen muss, ob es sich überhaupt noch lohnt, dort einzuzahlen. Für Beschäftigte mit unterdurchschnittlichen Verdiensten programmiert dieses System nun Altersarmut. Und dafür muss auch noch länger gearbeitet werden, obwohl es für die, die können und wollen, gar keine Jobs gibt.

Die Freunde der privaten Vorsorge haben einen dreifachen Bruch mit den sozialstaatlichen Werten fast eines halben Jahrhunderts bewirkt:

Trotz wachsender volkswirtschaftlicher Produktivität steigt die Lebensarbeitszeit wieder, statt zu sinken. Trotz eines ausgefüllten Arbeitslebens gibt das System keine Sicherheit mehr vor Armut im Alter, im Gegenteil, neue Altersarmut droht, eine längst für überwunden gehaltene alte soziale Frage droht zur neuen sozialen Frage zu werden. Und schließlich werden die Alten von wirtschaftlichen Wohlstandsgewinnen abgekoppelt.

Breite Schichten der Bevölkerung haben verstanden, dass die Rente mit 67 eben nicht nur eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit um zwei Jahre bedeutet, sondern die Spitze einer systematischen Rentenklau- und Verarmungspolitik. Für sie gibt es in der Wählerschaft keiner der im Bundestag vertretenen Parteien eine Mehrheit. Im Gegenteil, mindestens zwei Drittel sprechen sich dagegen aus, ergaben Meinungsumfragen im Sommer.

Die SPD gibt sich prompt beeindruckt und deutet Wankelmut an: Könnten nicht vielleicht doch weitere Berufsgruppen neben den Dachdeckern von der Erhöhung des Renteneintrittsalters ausgenommen werden? – Das macht es aber nicht besser, sondern allenfalls für einzelne Gruppen nicht ganz so schlimm.

Für DIE LINKE besteht in der Frage der Alterssicherung die große Chance, auf einem weiteren Feld ihre Politik an einem Thema zu entwickeln, an dem sie sich in Übereinstimmung mit einer großen Mehrheit in der Bevölkerung in Ost und West und quer durch fast alle Schichten befindet. DIE LINKE steht für eine sichere Rente. Sicher gegen Altersarmut bei langjährigen Beitragszeiten. Sicher gegen die Abkoppelung von volkswirtschaftlichen Wohlstandsgewinnen im Alter. Und sicher gegen die Unwägbarkeiten von Aktienmärkten und Börsenspekulation. Denn DIE LINKE hält daran fest, dass die Alterssicherung keine Privatsache, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe und Verantwortung gegenüber Erwerbstätigen ist, die eben nicht von Gewinn- oder Vermögenseinkommen ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Manchmal wird der LINKEN vorgeworfen, wir wollten zurück zum Sozialstaat der 70er Jahre. Doch wohin zurück wollen die rotgrünschwarzen Rentenreformer? In die Zeit vor der Adenauer’schen Rentenreform 1957? Ins 19. Jahrhundert? Der Zwang zu längeren Lebensarbeitszeiten ist ein sozialstaatlicher Rückschritt. Die drohende Wiederkehr von Altersarmut ist ein sozialstaatlicher Rückschritt. Und die Umschichtung von gesetzlich garantierten und umlagefinanzierten Alterssicherheiten in börsennotierte Anlagen ist, gerade angesichts der deutschen Erfahrungen mit der Entwertung durch Inflation, Krieg und Währungsreform, ebenfalls ein sozialstaatlicher Rückschritt. Es handelt sich um die generationenübergreifende Umkehrung einer gesellschaftspolitischen Entwicklungsrichtung. Wer heute sein Erwerbsleben in Deutschland beginnt, steht unter dem enormen Druck, dass bereits kleine Lücken oder Zeiten mit unterdurchschnittlichen Verdiensten in die Altersarmut führen können. Die Rückkehr der Angst vor der Armut im Alter dank einer sozialdemokratischen Modernisierungspolitik – das ist fürwahr ein zivilisatorisches Zurück zu alten Zeiten.

Mit einer »Initiative Sichere Rente« werden Partei und Fraktion versuchen, versuchen müssen, der Stimmung in der Mehrheit der Bevölkerung politisches Gehör zu verschaffen. Die »Rente mit 67« als Ausdruck einer verfehlten Rentenpolitik ist daher noch längst nicht erledigt. Im Gegenteil, sie wird Thema bleiben und kann 2009 durchaus eine über den Wahlausgang entscheidende Bedeutung bekommen.

Horst Kahrs ist Leiter des Bereichs Strategie und Politik in der Bundesgeschäftsstelle.

Disput, September 2007