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10.07.2007

Schwierigkeiten mit der Statistik

Wo sind die Renten höher? Durchschnittswerte allein sagen nicht alles

Von Ingo Schäfer

Immer wieder warten Medien damit auf, dass die Ostdeutschen höhere Renten beziehen als die Menschen in Westdeutschland. Das führt zu Verärgerungen auf beiden Seiten – allerdings aus unterschiedlicher Sicht.

Auch die sehr umfassenden und guten Daten, die vom Internationalen Institut für Empirische Sozialökonomie Inifes zusammengestellt und im Frühjahr veröffentlicht wurden, können in einigen Punkten zu vorschnellen Schlüssen führen.[1] Dies spiegelt sich etwa im Artikel des Handelsblattes »Der ›arme Ost-Rentner‹ ist Legende« (4.4.2007) wider[2]. Die dort angeführten Argumente sind so nicht zu halten. Zu undifferenziert ist der Blick, wenn von dem West-Rentner oder dem Ost-Rentner die Rede ist. Denn einerseits können die Renten zwischen Ost und West nicht einfach so verglichen werden, da die Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) im Osten faktisch die einzige Altersversorgung darstellt, während sie im Westen nur knapp 75 Prozent ausmacht. Zum anderen – und um diesen Punkt geht es hier – sind die Unterschiede zwischen den Renten im Westen wie im Osten sowie zwischen Männern und Frauen, aber auch innerhalb der jeweiligen Gruppen immens. Um Überschriften, wie die des Handelsblattes, zu widerlegen, muss genauer in die statistische »Trickkiste« geschaut werden.

Die angegebenen Rentenzahlbeträge sind meistens Durchschnittswerte. Der Durchschnitt bedeutet, dass die Ausgaben für Renten durch die Anzahl der Rentner geteilt werden. Weichen einige Werte erheblich von den anderen ab, haben sie einen starken Einfluss auf den Durchschnitt. Ein anderes Maß ist deshalb der sogenannte Median (oder Zentralwert). In der Statistik halbiert der Median eine Stichprobe. Die Rente der »reichsten« Person der »ärmeren« Hälfte gibt den Wert des Median an. Vorteil ist, dass er robuster gegenüber Ausreißern ist. Der Vergleich des Durchschnittswerts mit dem Median gibt Hinweise auf die Verteilung der Rentenzahlbeträge.

Für den Rentenbestand 2005 liegt der Median bei Männern in Westdeutschland, die ausschließlich eine Altersrente beziehen, mit 1.112,33 Euro deutlich höher als der Durchschnitt mit 1.053,41 Euro.[3] Dies bedeutet, dass die meisten West-Männer Renten oberhalb des Durchschnitts beziehen. Gleichzeitig gibt es einige »Ausreißer« mit sehr niedrigen Renten. Diese Kleinstrenten sind typisch für Beamte, Selbstständige und andere. Berufsgruppen, die nur zu Beginn ihrer Erwerbsphase für eine kurze Zeit in die GRV einbezahlt haben. Daraus ergeben sich diese sehr geringen Renten. In Ostdeutschland spielen diese Berufsgruppen und Versicherungsverläufe bisher kaum eine Rolle.

Anders verhält sich die Situation für Frauen im Westen sowie für Männer und Frauen im Osten: Hier liegt der Median unter dem arithmetischen Mittel. Die meisten beziehen also eine Rente unter dem Durchschnitt. Einige »Ausreißer« nach oben beziehen eine deutlich höhere Rente. Bei Frauen im Westen liegt der Durchschnitt bei 495,33 Euro und der Median bei 442,66 Euro. Die Hälfte der westdeutschen Frauen bezieht also eine Rente von 442,66 Euro oder weniger.

Verwendet man zum Ost-West-Vergleich den Median statt des Durchschnitts, ändert sich die Rangfolge der Rentenhöhe: Auf Platz eins die West-Männer, vor den Ost-Männern, gefolgt von den Ost-Frauen und am Ende die West-Frauen.

Bei der Betrachtung des Rentenzugangsalters muss zuerst nach den Rentenarten unterschieden werden. Die in der Studie angegebenen Werte beinhalten alle Rentenarten, also auch Erwerbsminderungs- und Hinterbliebenenrenten. Deren Beginn kann jedoch nicht frei gewählt werden. Um eine realistische Aussage über das tatsächliche Rentenzugangsalter der Versicherten machen zu können, müssten ausschließlich die Altersrenten betrachtet werden. Diese Renten können allerdings freiwillig früher bezogen werden. Daraus könnten unter Umständen Schlüsse auf die Arbeitsmarktentwicklung gezogen werden. Dabei bleiben aber weitere Aspekte unberücksichtigt. Die Daten der Deutschen Rentenversicherung – Bund zeigen, dass bei Personen, die nach Vollendung des 65. Lebensjahrs in Rente gehen, die Zahlbeträge deutlich niedriger liegen als bei denjenigen, die früher in Rente gehen. Wesentlich ist hierbei, dass üblicherweise nur Personen, die 35 oder mehr Beitragsjahre haben, berechtigt sind, vorgezogene Altersrenten zu beantragen. Damit haben die oben bereits erwähnten Bezieher von Kleinstrenten (zum Beispiel Beamte) erst ab dem 65. Lebensjahr Anspruch auf eine Rente aus der GRV.

Hier soll nicht die Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung kritisiert werden, es geht viel mehr darum, statistische Probleme bei der Auswertung von Rentendaten aufzuzeigen. Gerade auch um Artikeln wie im Handelsblatt begegnen zu können. Zu einer Auseinandersetzung mit dessen Überschrift und Hauptaussage – »Der >arme Ost-Rentner< ist Legende« – gehört folgende Anmerkung: Weil im Westen nur ein Teil der Alterseinkünfte aus der Gesetzlichen Rente stammt, liegen die tatsächlich verfügbaren Einkommen dort höher als es die amtliche Statistik ausweist. Im Osten hingegen entsprechen die tatsächlichen Einkommen weitestgehend denen aus der Statistik. Im Westen haben darüber hinaus gerade diejenigen mit sehr niedrigen und diejenigen mit sehr hohen Einkommen aus der GRV im Alter erhebliche Einkünfte aus anderen Quellen (Beamtenversorgung, Berufsständische Versorgungswerke, betriebliche und private Renteneinkünfte).

Da die Gesetzlichen Renten in Ostdeutschland für die meisten faktisch das einzige Einkommen im Alter sind und die Zahlbeträge im Osten nicht höher sind als im Westen, ist 17 Jahre nach der Vereinigung eine Angleichung der Rentenwerte geboten. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass die Lebenshaltungskosten im Osten wie im Westen im Wesentlichen dasselbe Niveau haben.

Ingo Schäfer ist Referent bei der Bundestagsfraktion DIE LINKE.


[1] Die Studie ist bei der Hans-Böckler-Stiftung erschienen: Ebert, Kistler, Trischler (Hrsg): »Ausrangiert – Arbeitsmarktprobleme Älterer in den Regionen«, 2007

[2] Vgl. auch: Süddeutsche Zeitung: »Gute Renten, schlechte Renten«, 5.4.2007

[3] Soweit nicht anders angegeben sind die verwendeten Daten aus der RVaktuell 3/2007, S. 52ff.

Disput, Juli 2007